WANN BIN ICH EIN SPIESSER?

WANN BIN ICH EIN SPIESSER?


 Hausverkauf mit Hindernissen

Viel Jubel für die Premiere der Komödie „Viereinhalb Sterne"
von Ulli Haussmann im Theater Combinale

 

 Lübeck. Erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt. Die Binsenweisheit bringt das Theater Combinale mit viel Humor und lebensklugen Dialogen in dem Stück ,,Viereinhalb Sterne" auf die Bühne. Die Versuchsanordnung: Wilhelm und Imke, seit zehn Jahren geschieden, seine neue junge Frau Paula und die gemeinsame Tochter Luisa treffen aufeinander.

Sie haben sich lange nicht gesehen und sind nun an die Ostsee gereist, um das gemeinsame Haus für eine Million Euro zu verkaufen. Die zurückhaltende Bühnenausstattung (Katia Diegmann, Marcel Weinand) mit hoher weißer Wand, alten Balken und einem riesigen Kamin mit70er-Jahre-Deko verrät: das Haus hat schon einige Jahre auf dem Buckel, ist aber immer noch stilvoll. Der Plan: Vom Verkaufserlös soll die ehrgeizige Jung-Medizinerin Luisa eine Praxis eröffnen. Diese aber hat andere Pläne mit dem Geld und schockiert damit nicht nur ihre Eltern, sondern auch die Stiefmutter.

An dem Abend eskalieren die unterschiedlichen Konflikte: Sigrid Dettlof als Wilhelms Ex-Frau, die

nun in einer „Lesben-WG " lebt, ist auf Krawall gebürstet, greift beim Wortgefecht mit dem Ex und seiner Frau lieber zum Hackebeil als zum Florett- und sorgt für viel Gelächter. Ulli Haussmann als ihr Ex gibt den eher konfliktscheuen Mann zwischen den Fronten, dem ein guter Witz wichtiger ist als eine ernsthafte Auseinandersetzung. Tina Eberhard als seine Frau Paula kommt sehr tough daher, und Angelina Kamp nimmt man die idealistische Tochter Luisa ab. Die beiden jungen Schauspielerinnen fügen sich wunderbar ins Combinale-Team ein, Humor, Spielfreude und Timing stimmen. Die Inszenierung ist temporeich mit originellen Szenen wie dem choreografierten Decken des Tisches oder nächtlichen Spotlights (Regie: Mignon Remé).

Ulli Haussmann hat das Stück geschrieben, es besticht durch pointierte Dialoge und Tiefgang. Denn geht es anfangs noch um Eitelkeiten und verletzte Gefühle, werden im Laufe des Abends Werte und Haltungen verhandelt. Akzeptiere ich, wenn Kinder eigene Wege gehen? Ist es zynisch oder realistisch, wenn ich für Afrika spende, um das Geld steuerlich absetzen zu können? Ist fair gehandelter Wein aus Chile ökologisch korrekter als Wein aus Deutschland, wo den osteuropäischen Pflückern kein Mindestlohn gezahlt wird? Und: Wann bin ich ein Spießer? Die Antwort finden sie am Ende gemeinsam ganz im Sinne von John Lennon: „Leben ist das, was passiert, während du eifrig dabei bist, andere Pläne zu machen.“  Das Premierenpublikum bedankte sich für diesen

anregenden Abend mit langem begeisterten Applaus.                  

LÜBECKER NACHRICHTEN  Petra Haase


 

Uraufführung: Sie streiten und sie lieben sich

Verwandtschaft – am besten gerahmt an der Wand, sagen Spötter. Denn spätestens im Erbfall setzt der Kampf ein. In der jüngsten Produktion des Combinale Theaters geht es zwar nicht um den klassischen Erbfall, wohl aber ums Geld aus einer einst gemeinsam genutzten Luxus-Immobilie. Am Freitag war die Uraufführung von "Viereinhalb Sterne".

Das Combinale hat das Glück, in Ulli Haussmann nicht nur einen guten Darsteller, sondern auch einen hauseigenen Autor zu haben. Er schaut dem Volk aufs Maul; nicht unbedingt in der Diktion, aber mit einem besonderen Gespür für Themen und Stimmungen, die gewissermaßen in der Luft liegen. Wie ist das in dem neuen Stück?

 

Unter Opfern hatte sich einst ein junges Ehepaar die Villa an der Ostsee geleistet. Möbel waren beim Einzug noch nicht vorhanden. Die Luftmatratze reichte. Das alles ist lange her. Imke und Wilhelm, die Liebenden von einst, haben sich auseinander gelebt, sind seit zehn Jahren geschiedene Leute. Die Villa soll verkauft werden. Käufer und Kaufpreis stehen fest.

 

Eine Million Euro ist der Erlös, und die Geschiedenen haben vor langer Zeit beschlossen, die Summe der gemeinsamen Tochter zur Eröffnung einer Arztpraxis zu überlassen. Tochter Luisa, eine ausgezeichnete junge Medizinerin, will jedoch plötzlich keine Praxis im vornehmen Hamburger Stadtteil. Sie hat bei Besuchen im afrikanischen Mozambique ihr soziales Gewissen entdeckt und will mit ihrem Jasper nach Afrika. Die Million würde für eine rollende Praxis der "Truck-Doctors" reichen.

 

Aber da sind nicht nur die entsetzten Eltern, sondern auch Vaters neue Ehefrau Paula, die ganz andere Pläne verfolgt. Es kommt zu Auseinandersetzungen, zum verbalen Schlagabtausch. Wie es ausgehen wird, ahnt man am Anfang nicht. Ulii Haussmann gelingt es auf seine Art, ernste Probleme – Dritte Welt, Krankheiten, Nachhaltigkeit – in eine heitere Spielhandlung, in geschliffene, witzige Dialoge zu verpacken. Das Ergebnis: Unterhaltendes jede Menge, Nachdenklichkeit reichlich.

 

Haussmann spielt den Wilhelm selber, als Charmeur mit grauen Schläfen, verständnisinnig und doch auch wieder starrköpfig. Als Ex-Ehefrau hat Sigrid Dettlof ebenfalls eine Prachtrolle. Sie beherrscht souverän die Szene und die Auseinandersetzungen. Manchmal reicht die Betonung eines Wortes, und das Publikum merkt die Ironie in einem scheinbar harmlosen Satz. Als neue Ehefrau Paula geht Tina Eberhard gradlinig ihren Weg. Sie vertritt die Interessen der neuen Ehe und ihrer Firma.

 

Ganz anders agiert Angelina Kamp, die etwa gleichaltrige Tochter und junge Ärztin. Sie verkörpert glaubwürdig das Engagement der Jungen, die eine bessere Welt wollen. Marcel Weinand hat hat ein großzügiges Kaminzimmer auf die Bühne gestellt. Regisseurin Mignon Remé sorgt – bis hin zum Badminton-Match – für flotten Ablauf, in den dennoch genügend Atem- und Denkpausen eingebaut sind. Das Publikum ging zwei Stunden lang gespannt und amüsiert mit.
 

Ach so, der Titel. Was macht man aus seinem Leben? Ist der eigene Lebensentwurf, ist seine Umsetzung – analog zu Hotelbewertungen – fünf Sterne wert? Maximal viereinhalb, heißt es im Stück, das bis in den Oktober hinein zu sehen ist.

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