ANDREW UND DIE KOPFBEWOHNER

ANDREW UND DIE KOPFBEWOHNER


ULTIMO

Mit „ICH UND DIE ANDEREN“ ist dem Theaterensemble um Regisseur Erik Schäffler eine überaus amüsante, kurzweilige und berührende Theaterinszenierung gelungen. Die Jubiläumsinszenierung des Combinale THTR basiert auf dem Roman von Matt Ruff, den Ulli  Haussmann  in eine stringente, lebendige Bühnenfassung gebracht hat. Es geht um multiple Persönlichkeiten und ihren täglichen Kampf um Kontrolle über ihr eigenes Handeln. Während Andrew in seinem Kopf ein Ordnungsprinzip in Form eines Hauses, in dem alle in ihm wohnenden Persönlichkeiten leben, erschaffen hat, lebt Penny noch im Chaos und Unkenntnis darüber, dass sie ihren Körper und ihren Geist mit anderen teilen muss.  Herausragend die beiden Hauptdarsteller Jantje Billker und Tommaso Cacciapuoti! Wie die beiden es schaffen, nicht nur eine Figur darzustellen, sondern jede der verschiedenen Persönlichkeiten mit einem eigenen Charakter, eigener Mimik und Gestik darzustellen, ist große Kunst. Ihr Spiel ist liebevoll und wahrhaftig. Die Sprache lebensecht. Mignon Remé, Sigrid Dettlof und Ulli Haussmann schlüpfen überzeugend und souverän in verschiedene Rollen. Der Zuschauer wird in die zunehmend spannender werdende Handlung hineingesogen. Die gelungene akustische Untermalung der Szenen und die eingesetzten Videosequenzen geben der Inszenierung nicht nur eine treibende Dynamik und schaffen eine besondere Atmosphäre, sondern stellen auch die nicht mit Worten zu erklärenden Vorgänge in einer multiplen Persönlichkeit akustisch und visuell dar. Der Zuschauer erhält eine Ahnung von dem, was im Kopf und Körper einer multiplen Persönlichkeit vor sich gehen mag.
Fazit: Toll inszeniert, klasse gespielt! 3 in 1: Witzig, berührend, spannend! 
Farsaneh Samadi


Uraufführung im Combinale: Andrew und die Kopfbewohner

Es ist keine leichte Kost, aber eine spannende und anregende Geschichte, mit der das Theater Combinale sein 25-jähriges Bestehen begeht. Ulli Haussmann hat aus einem amerikanischen Erfolgsroman ein Theaterstück herausgefiltert. "Ich und die anderen" erlebte am Mittwoch in der Hüxstraße erfolgreich seine Uraufführung.

"Ich und die anderen" heißt der 600 Seiten starke Roman von Matt Ruff. Das Thema klingt nüchtern; die Ausführung macht den Reiz aus. Es handelt sich um ein Phänomen, das die Wissenschaft erst seit kurzem ernst nimmt, um Fälle von multipler Persönlichkeitsspaltung (MPS). Andrew, die männliche Hauptfigur, hat durch Misshandlungen in der Kindheit seelische Schäden erlitten. Um sich von Erinnerungen zu befreien, schlüpft er in andere Personen.

 

Damit das gedankliche Chaos in geordnete Bahnen gelenkt wird, hat er für seine vielen Kopfbewohner mit Hilfe seiner Therapeutin ein virtuelles Haus erschaffen. Jede Teilfigur hat ihr Zimmer, muss sich an die Hausordnung halten. Hausherr ist immer der, der gerade in der Gestalt des Handelnden auftritt. Da der Vater der Sache überdrüssig geworden ist, handelt meistens Andrew. Aber da gibt es auch den jüngeren sexbesessenen Adam. Er taucht wie Vater auf der Leinwand auf, mischt sich – für Außenstehende unhörbar – in die Gespräche ein. Dann ist da noch Gideon, die dunkle und skrupellose Abspaltung.

 

Andrew begegnet bei seiner neuen Chefin Julie der jungen Penny, die ebenfalls nicht allein, sondern gespalten ist; allerdings ohne es zu wissen. Julie spannt die beiden zusammen, damit sie sich mit Hilfe der Therapeutin befreien können. Zum Schluss geht es von Seattle, einem Zentrum von Cyberspace, in den mittleren Westen der USA, immer auf der Suche nach der Vergangenheit und damit nach den Ursachen der psychischen Schäden. Ulli Haussmann hat den Roman mit seinen vielen Figuren natürlich nicht Eins zu Eins übertragen können. Er musste Schneisen schlagen, Figuren weglassen, um eine fesselnde Geschichte auf die Bühne zu bringen. Dabei werden auch Fragen ans Publikum gerichtet: Erfinden wir uns nicht immer wieder oder zumindest von Zeit zu Zeit selber? Biegen wir uns die eigene Vergangenheit nicht manchmal zurecht, so, wie wir sie gern erlebt hätten? Sind wir so eindeutig wir selbst? 

 

Haussmann und Regisseur Erik Schäffler unterschlagen den Humor des amerikanischen Autors nicht. Andererseits werden die Andeutungen von Inzest und Kindesmissbrauch nicht ausgewalzt. Viel zum Gelingen steuert Filmemacher Jürgen Salzmann bei. In der Dekoration von Sonja Zander sind rechts und links im Hintergrund Möglichkeiten geschaffen, Filmsequenzen einzuspielen: den See, dem eine schicksalsentscheidende Rolle zukommt oder die Figuren aus dem Kopf der Handelnden. Haussmann selbst spielt einen Sheriff mit zwielichtiger Vergangenheit.

 

Von den Darstellern wird Wandlungsfähigkeit verlangt. Sigrid Dettlof beweist das in zwei Figuren, der Therapeutin im Rollstuhl und der verständnisvollen Hauswirtin. Da sitzt jede Geste, und auch der Schuss Wildwest auf der Straße Richtung Osten am Schluss wirkt nicht albern, sondern typisch amerikanisch. Im Mittelpunkt stehen die Personen einer leicht bizarren Dreiecksgeschichte. Tommaso Cacciapuoti bekommt den Wechsel von Andrew zu Adam, zu Sam (als Abkürzung für Samantha) oder zu Gideon hervorragend hin. Durch bestimmte Körperhaltungen wird sofort klar, wer gerade dran ist. Er rückt zudem die "verrückten" Figuren in ein überaus sympathisches Licht. Mignon Remé umkreist mit den bohrenden Fragen der Chefin Julie das Thema, steckt zurück, wenn sie sich Grenzen nähert, beginnt ihren Part erneut, von einer anderen Seite aus. Mit großen Gesten und deutlichen Mitteln spielt Jantje Billker (Penny) die Figuren ihrer Fantasie durch. Da sind die Bösen aus dem Kopf leicht von der sanften Penny zu unterscheiden. Ein paar Griffe auf der Westerngitarre, ein paar Klavierakkorde geben dem Geschehen zusätzliche Dichte. Das Premierenpublikum feierte die Mitwirkenden stürmisch. 

 

Das Stück steht bis 17. Oktober fast täglich auf dem Spielplan des Combinale-Theaters, Hüxstraße 115. Besuch unbedingt empfehlenswert. 

HL live vom 17.9.2015, Konrad Dittrich

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Stimmen unserer Zuschauer:

 

Am 17.09.2015  schrieb Frau Dr.Mechtild Hobl-Friedrich, Theaterdirektorin i.R.

 

 "Herzlichen Dank für die großartige Vorstellung. Ich bewundere immer wieder den Mut der „kleinen“ Bühnen, sich an Problemthemen heranzuwagen, die man an den „großen“ Bühnen vergeblich sucht.

Ich habe immer gewisse Vorbehalte gegen die Umsetzung von Prosa in eine Bühnenfassung. Ich kenne den Roman nicht (600 Seiten wollen ja auch erst einmal gelesen werden), aber wenn er so komprimiert und auf die wesentlichen Handlungsstränge konzentriert zu sein scheint, dass einem als Zuschauer nicht der Verdacht kommt, da fehle etwas, dann kann man das nur bewundern. Außerdem sind die fünf Protagonisten von Dir so hervorragend geführt, dass ich nicht einen Augenblick zweifeln musste. Wenn das die Jubiläumsproduktion ist, dann kann man nur noch einen doppelten Glückwunsch aussprechen:

1. dass das freie Theater es geschafft hat, sich 25 Jahre lang erfolgreich zu behaupten, und

2. dass es eine so mutige Produktion mit einem so ausgezeichneten Team umsetzen konnte.

Wie pflegen doch die „Lateiner“ in solchen Fällen zu sagen? Ad multos annos!"


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 LN vom 18.09.2015

 

"..., da ist Schauspielkunst zu erleben,...(...)Das Premierenpublikum spendete allen Mitwirkenden ausgiebigen Applaus."

 

BLOG "Geteilte Ansichten"

 

https://geteilteansichten.wordpress.com/2015/10/08/ich-und-die-anderen-im-theater/