ANGERICHTET

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HAMBURGER ABENDBLATT vom 22. Juni 2014 (geschrieben von asti)

 

Die Inszenierungen von "Angerichtet" und "Unter dem Milchwald" bei den Privattheatertagen überzeugen

Hamburg. Bislang gibt es qualitativ höchst Erfreuliches zu berichten von den diesjährigen Privattheatertagen. In "Angerichtet" nach dem Roman von Herman Koch treffen sich zwei Paare, um ungeheuerliches Fehlverhalten ihrer Brut zu diskutieren. Doch bis der Zuschauer in den Kammerspielen die Hintergründe erfährt, quälen sich die vier auf Stühlen, deren Lehnen an Gefängnisgitter erinnern, durch ein Essen im Edellokal, bei dem die zum Flirten aufgelegte Bedienung sparsam auf Tellern Arrangiertes blumig anpreist.

Das führt dazu, dass "Angerichtet", eine Inszenierung vom Theater Combinale Lübeck in der Regie von Erik Schäffler, wie eine Ehe-Komödie beginnt, dies erhöht aber nur die Fallhöhe zu den tragischen Ereignissen. Mit keinem dieser Paare möchte man tauschen. Der gescheiterte Lehrer Paul (Oliver Hermann) entpuppt sich als Choleriker, seine Frau Claire (Mignon Remé) ist eine eisige Strategin, Paul steckt bis zur Halskrause voll Hass auf seinen Bruder, den selbstgefälligen Politkarrieristen Serge (Ulli Haussmann), dessen Frau Babette (Katreen Hardt) eher schmückendes Beiwerk in seinem Leben darstellt.

Erst allmählich entfaltet das Stück sein boshaftes Potenzial. Die pubertierenden Söhne haben etwas Schreckliches angestellt. Die Vertuschungsgelüste der Paare offenbaren Abgründe, die die Tat an Perfidie mühelos überbieten. Mit seinen ausgezeichneten Darstellern (....) setzt Schäffler ganz auf den bewusst politisch unkorrekten Tenor des Stückes. Gekonnt inszeniert er eine beklemmende Versuchsanordnung, in der die Akteure wie Gefangene wirken.

 

 

 

 

Lübecker Nachrichten, 8. / 9. September 2013

 

JE SPÄTER DER ABEND, DESTO BÖSER DIE GESCHICHTE

Von Liliane Jolitz
 

Lübeck - Der warme Ziegenkäse an Walnusskernen und Rucola ist nicht nach Paul Lohmans Ge-schmack. Paul (Oliver Hermann), ein gescheiterter Lehrer, hatte es ja geahnt: „Da erwartet mich garantiert etwas mit Ziege." Nun sitzt er mit Ehefrau Claire im Edelrestaurant bei einer Art Familienessen, zu dem sein Bruder eingeladen hat. Dem alerten Serge Lohman, verkörpert von Ulli Haussmann, war die Wahl zum Ministerpräsidenten schon sicher. Nun aber ist seine politische Karriere bedroht: Rick und Michel, die beiden 15-jährigen Söhne der Ehepaare Lohman, haben eine Obdachlose umgebracht. Bei dem Essen will Serge beraten, wie es weitergeht.

Ein schlichter Tisch, vier weiße Stühle mit überhohen Rückenlehnen, drei transparente Wände auf der Rückseite: Die Bühne ist vornehm-sparsam ausgestattet. Die Frauen, Babette (Katreen Hardt) und Claire (Mignon Reme) haben sich schön gemacht. Aus der Küche ist Geklapper zu hören. Die Stim¬mung am Tisch ist verkrampft. Man spricht über Tarantinos neuesten Film, über Urlaub, über Wein.

Das Publikum kann sich in einer Komödie wähnen, denn auf der Bühne werden Rituale einer kon-sumorientierten und zahlungskräftigen Schicht verspottet. Zum Beispiel wenn die Kellnerin (Stefanie Büttner) ihren Gästen einen Aperitif. serviert („Der Aperitif des Hauses ist heute ein Champagner rose), der keineswegs aufs Haus geht, sondern zehn Euro pro Glas kostet, wie Paul hämisch bemerkt. Aber je später der Abend, desto böser die Geschichte. Das Familienessen wird zum Familiendrama. Die Sache eskaliert, als Serge ankündigt, er werde am nächsten Tag in einer Pressekonferenz seinen Rücktritt bekanntgeben. Denn das wollen die drei anderen um fast jeden Preis verhindern.

Ulli Haussmann und Knut Winkmann, die den Bestseller von Herman Koch für die Bühne bearbeitet haben, ist das Kunststück gelungen, die Komplexität zu retten, ohne es kompliziert werden zu lassen. Die raffiniert ausgetüftelten Geschichte hat immer wieder überraschende Wendungen. Auch bei den Charakteren bleibt ein Rätsel, wen man vor sich hat. Eine Herausforderung an die Darsteller, mit Bravour gemeistert. Ulli Haussmann geht ganz in der Rolle des ehrgeizigen Politikers auf, Katreen Hardt in der seiner etwas exaltierten Ehefrau, die mehr an seiner Karriere hängt als er. Teuflisch gut: Mignon Reme als Claire und Oliver Hermann als Paul. Chris Dippert tritt als ihr Sohn Michel auf.

Auch wenn „Angerichtet" keine Sozialtragödie, sondern ein Thriller ist: Wie im richtigen Leben weiß man nie, woran man ist. Das Lachen vergeht einem immer mehr. Dafür entwickelt das Stück, das Erik Schäffler inszeniert hat, andere Qualitäten und manch (fiese) Überraschung. Ein Abend voller Kurzweil, Witz und Spannung.

 

Lübeckische Blätter, Dr. Rudolf Höppner

Combinale Theater: „Angerichtet“ 

Der Roman „Angerichtet“ (Het Diner) des Holländers Herman Koch ist die Vorlage für ein Theaterstück, das Ulli Hausmann und Knut Winkmann für das Combinale Theater schrieben. Es spielt in der Gegenwart: Zwei Jugendliche, die Cousins Rick und Michel Lohmann, haben eine Obdachlose getötet. Ihre Eltern treffen sich zum Essen in einem Nobelrestaurant, denn  „sie müssen über etwas reden“.

Damit beginnt das Stück. Nach einer amüsanten Ironisierung des affektierten Service-Gehabes wird es spannend. Häppchenweise stellt sich zwischen Aperitif und Dessert heraus, was geschehen ist. Diskutiert wird dabei, wie die Familie nachteilige Konsequenzen vermeiden kann. Serge Lohman, erfolgreicher Landespolitiker, muss sein Image wahren, sein Bruder Paul will Sohn Michel vor dem Knast retten. Ein Unrechtsbewusstsein stellt sich nicht ein, dafür wird das Opfer verunglimpft, die Schuld der Täter relativiert. Laufend neue Ergebnisse steigern die Spannung, verstärkt durch die unterschiedlichen Reaktionen der

Eltern. Das Vertuschen gelingt schließlich, zumindest scheinbar und  mithilfe einer weiteren Untat. Die Täter rechtfertigen sich mit ihrer  Schuldzuweisung gegen die Opfer. Ob sie das durchhalten, bleibt offen.

Erik Schäffler, der Regisseur, verzichtet auf äußerliche Gags, inszeniert von der Aussage des Textes her, bremst die Aktion in den epischen Passagen, wenn eine der Personen das  Publikum direkt anspricht.  Sonja Zander reduziert ihre Ausstattung auf einen gedeckten Tisch, verzichtet auf alles, was ablenken könnte.

Die Personen des Stücks sind differenzierte  Charaktere, die zudem in sich mehrschichtig angelegt sind. Ulli Haussmann spielt den Politiker Serge Lohmann als herablassenden Blender und geschickten Taktierer. Und dann zeigt er sein wahres Gesicht, wenn er Beau verflucht, den afrikanischen Jungen, den er zur Verbesserung seines Image adoptiert hatte. Katreen Hardt als seine Frau Babette tritt  zunächst auf als‚ “Frau ihres Mannes“, als Dekoration des Promis, der ohne den Einfluss ihrer Familie das nicht geworden wäre, bis sie emotional ausrastet,  weil sie feststellt, dass er sie bewusst unwissend ließ. Mignon Remè  als Claire ist  ihrem Mann Paul intellektuell überlegen und kontrolliert ihn. Anders zeigt sie sich, wenn sie ihren Schwager anschmust, damit er  auf seinen taktischen Rücktritt verzichtet. Sie bestimmt das Handeln in der Schlussphase. Oliver Hermann als Paul Lohmann ist zu Anfang der aggressiv witzige Realist, der die überzogene Servilität des Sternerestaurants ins Lächerliche zieht, dann zeigt er, dass er seine faschistoide Grundeinstellung behalten hat, die ihn seine Stellung als Lehrer kostete. Stefanie Büttner ist die Kellnerin, an der Paul seinen Frust auslässt. Sie bleibt pflichtmäßig korrekt und lässt gleichzeitig ihre Verachtung spüren. Sie weiß, als Mitwisserin kommt ihre Chance. In der Rolle des Michel Lohman bietet Chris Dippert beeindruckend einen coolen jungen Mann, egozentrisch und ohne Ansatz von Reue, so wie ihn niemand zum Sohn haben  möchte.                                                                                                  

„Angerichtet“: eine inhaltlich aktuelle, spannende und anspruchsvolle  Aufführung.

Als Rahmen sang das Ensemble den Choral „O komm, du Geist der Wahrheit“, dessen ironische Bedeutung im Verlauf des Stücks immer deutlicher wurde: Kein Missverständnis möglich. Intensiver Beifall bei der ausverkauften Premiere. 

 


 Dagmar Ellen Fischer
GODOT Das Hamburger Theatermagazin
 

Wegen des Marzi­pans sowieso, nun aber lockt ein gewich­ti­gerer Grund, nach Lübeck zu fahren: das Theater Combi­nale. Denn dort wurde „Ange­richtet“, und das in Form eines Thea­ter­abends, den man durchaus als tempo­räre Hamburger Zweig­stelle sehen kann. Drei Hamburger Schau­spieler haben dort weitaus mehr als nur ihre Finger im Spiel: Erik Schäffler (bis 2013 im Ensemble des Deut­schen Schau­spiel­hauses) führte Regie, Mignon Remé und Oliver Hermann (beide bekannt aus Michael Batz‘ „Hamburger Jeder­mann“) geben ein Ehepaar. Ihnen gegen­über posi­tio­nieren sich Ulli Haus­smann und Katreen Hardt als kampf­be­reite Gegner, beide am Theater Combi­nale künst­le­risch beheimatet.

Ein Schau­platz, zwei Ehepaare und mindes­tens vier Fronten. Auf diese span­nungs­ge­la­dene Formel könnte der groß­ar­tige, zwei­stün­dige Abend gebracht werden – wenn sich aus dieser Grund­kon­stel­la­tion nicht ein Viel­fa­ches an überra­schenden Wendungen ergeben würde … Serge, karrie­re­geiler Kandidat für den Minis­ter­prä­si­den­ten­posten, trifft sich mit seinem Bruder Paul, einem geschei­terten Lehrer, in einem Nobel-Restaurant. Die unter­schied­li­chen Männer kommen in Beglei­tung ihrer Gattinnen Babette und Claire, denn schließ­lich geht es um beider Söhne. Die Jugend­li­chen haben gemeinsam ein Verbre­chen begangen, auf das jedes der vier Eltern­teile eine eigene Sicht hat. Die wird nur gering­fügig von mora­li­schen Grund­sätzen überschattet, dafür von verschie­denen Fantasie-Szenarien über mögliche gesell­schaft­liche Konse­quenzen im Falle einer Verur­tei­lung der Kinder. Zwischen mütter­li­chem Beschüt­ze­r­in­stinkt und männ­li­chem Herun­ter­spielen, um eine karrie­re­schäd­liche, öffent­liche Wahr­neh­mung zu vermeiden, biegt sich das gemischte Doppel indi­vi­du­elle Perspek­tiven zurecht.

Nach dem gleich­na­migen Roman von Herman Koch (aus dem Nieder­län­di­schen übersetzt von Heike Baryga) gelingt Erik Schäffler eine aufre­gende Insze­nie­rung: Vom unver­däch­tigen, aber durchaus span­nungs­rei­chen Begrü­ßungs­ri­tual über thema­ti­sche Leicht­ge­wichte und formales Geplänkel hinweg stei­gert sich das Treffen soge­nannter nächster Verwandter zum erbar­mungs­losen Kriegs­schau­spiel, und auf dem wech­seln die faden­schei­nigen Alli­anzen so schnell wie der Geträn­ke­pegel in den Gläsern. Wenn die Kell­nerin ahnungslos ins Kampf­ge­tümmel platzt und fragt, ob denn „hier alles nach Wunsch“ sei, sorgt das für verschie­dene Nuancen von Gelächter – auch im Publikum. Nach Wunsch funk­tio­niert das Leben der Vier längst nicht mehr. Und so brechen sich nicht nur Wut und Angst, sondern auch Boshaf­tig­keiten und sogar Rassismus zuneh­mend Bahn …

Katreen Hardt als Babette verzwei­felt glaub­würdig an der Seite ihres Aufsteiger-Ehemanns Serge, der über die notwen­dige Skru­pel­lo­sig­keit verfügt; in dieser Rolle glänzt Ulli Haus­smann, dem es nach einem kurzen Einkni­cken wieder gelingt, die Gutsherren-Oberhand zu behalten. Mignon Remé zeigt viele Facetten ihrer Figur Claire zwischen wild entschlos­sener Tigerin und liebe­voller Frau – je nachdem, ob es sich um ihren Sohn oder Ehemann Paul handelt. Den verkör­pert Oliver Hermann als verbit­terten Versager, nuan­ciert zwischen Zynismus und der verzwei­felten Suche nach einer ethisch vertret­baren Haltung. Allein, eine Lösung des Problems scheint nicht in Sicht, statt­dessen ergeben sich Kompli­ka­tionen, und so nimmt die Kata­strophe ihren Lauf und das Drama mächtig Fahrt auf.